Tierversuche 2016 – fast 3 Millionen Tiere „verbraucht“

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Auch 2016 ist die Anzahl der zu wissenschaftlichen Zwecken in Versuchen eingesetzten Tiere wieder gestiegen. Die Politik ist gefordert, Tierversuche durch bereits vorhandene Alternativmethoden zu ersetzten.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat die Tierversuchsstatistik 2016 veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass der „Verbrauch“ von Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken im Vergleich zum Vorjahr mit zwei Prozent angestiegen ist. Insgesamt wurden 2016 2.854.586 Tiere und damit 54.625 mehr als im Vorjahr eingesetzt. Die Zahl der Tiere, die in Versuchen meist schmerzhafte Eingriffe und Behandlungen über sich ergehen lassen mussten, stieg sogar um sieben Prozent auf 2.189.261 Tiere. Laut Aussage des Deutschen Tierschutzbundes wurden vor allem Nager (79 Prozent) und Fische (12 Prozent) eingesetzt. Aber auch 3.966 Hunde, 2.418 Affen und 766 Katzen kamen in den Tierversuchen zum Einsatz. Insgesamt 114.824 Tiere mussten nach Einschätzung der Wissenschaftler den höchsten Grad an Schmerzen, Leiden und Schäden erleiden. Fast die Hälfte aller Tiere wurde gentechnisch manipuliert – eine Zunahme um 93.607 Tiere im Vergleich zum Vorjahr.

Ausstiegsstrategie ist dringend erforderlich
Der Deutsche Tierschutzbund ruft die Politik zum Handeln auf und fordert eine konkrete Strategie zum Ausstieg aus Tierversuchen. Die qualvollen Versuche müssen endlich komplett ersetzt werden – wie von Verbraucherminister Christian Schmidt angekündigt. „Unsere Nachbarn, die Niederlande, sind schon viel weiter“, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Ihr Nationaler Ausschuss zu Tierversuchen hat unter anderem einen konkreten Zeithorizont zum kompletten Ausstieg aus Tierversuchen bei der Prüfung von Chemikalien vorgesehen. Die Bundesregierung hat den von der EU verlangten Nationalen Ausschuss einfach an Behördenvertreter übergeben, statt - wie von der EU-Kommission gewünscht und vielerorts realisiert – hierfür eine breite gesellschaftliche Basis zu suchen. So bleibt es hierzulande bei Lippenbekenntnissen.“

Ferkelkastration: Selbst gestecktes Ziel verfehlt

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Ab 01.01.2018 sollte innerhalb der EU auf die chirugische Kastration männlicher Ferkel verzichtet werden. Doch das Ziel wurde verfehlt. In den meisten EU-Staaten findet der Eingriff immer noch und zumeist ohne Betäubung statt. Ein Armutszeugnis für die europäische Gemeinschaft.

2010 unterzeichneten Vertreter aus Landwirtschaft, Fleischindustrie, Wissenschaft und anderen Verbänden eine gemeinsame Erklärung, nach der ab 1. Januar 2018 auf die chirugische Kastration männlicher Ferkel verzichtet werden sollte. Heute - nach Ablauf der Frist - wird deutlich, dass dieses selbst gesteckte Ziel verfehlt wurde. Bislang verzichten nur wenige EU-Mitgliedstaaten auf den operativen Eingriff, der in der Regel sogar ohne Betäubung und die Vergabe von Schmerzmitteln ausgeführt wird.

Armutszeugnis für die EU
Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, bezeichnet die Zielverfehlung als „Armutszeugnis für die europäische Gemeinschaft“. Auch wenn Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten noch unter den Vorreitern ist – die  betäubungslose Kastration soll hierzulande ab dem 1.1.2019 gesetzlich verboten werden - bleibt Kritik und Sorge: „Wir warnen die Bundesregierung, das Scheitern der Frist auf EU-Ebene nun zu nutzen, um der Schweineagrarlobby den Gefallen zu tun, das deutsche Verbot zeitlich nach hinten zu verschieben. Die Kastration unter Vollnarkose ist ein Minimum, mittelfristig muss komplett auf die chirurgische Kastration verzichtet werden“, fordert Schröder.

Ferkelkastration in Deutschland
In Deutschland wird der Großteil der männlichen Ferkel, etwa 20 Millionen pro Jahr, immer noch ohne Betäubung kastriert. In den meisten Fällen wird zwar ein Schmerzmittel eingesetzt, dieses jedoch verringert den Schmerz während der Kastration kaum. Schon heute gibt es Alternativen zur Kastration - die Ebermast und die Impfung gegen Ebergeruch – die allerdings bislang kaum umgesetzt werden. Beide Alternativen haben ebenso wie die Kastration unter Vollnarkose Vor- und Nachteile. Bei guter Durchführung und angepasstem Management sind sie jedoch tierschutzkonform. „Die Alternativen sind sofort einsetzbar, daher muss mindestens das Verbot der betäubungslosen Kastration national und europaweit sofort greifen. Aber offenbar haben die Agrarlobbyisten immer noch massiven Einfluss“, so Schröder.

„Vierter Weg“ ist nicht tierschutzkonform
Die Branche verzögert die Umsetzung der bestehenden Alternativen weiterhin, anstatt sie zu beschleunigen. Mit der Kastration unter Lokalanästhesie forciert sie einen „vierten Weg“. Diese Methode ist aus Tierschutzsicht nicht akzeptabel, da der Kastrationsschmerz damit nicht wirksam ausgeschaltet wird. Darüber hinaus sind die Tiere durch die Injektionen in die Hoden sogar zusätzlichem Schmerz und Stress ausgesetzt. Dass einzelne Länder die Lokalanästhesie einsetzen, darf aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes kein Argument für den Einsatz hierzulande sein.

Pelzartikel falsch gekennzeichnet

Wie eine aktuelle Recherche beweist, sind auch in diesem Jahr Kleidungsstücke mit Echtpelz im Handel größtenteils falsch gekennzeichnet. Eine transparente und verbraucherfreundliche Kennzeichnungsregelung für Pelzprodukte ist dringend erforderlich.

Fast 90 Prozent der im deutschen Einzelhandel verkauften Kleidungsstücke mit Echtpelz ist nicht korrekt gekennzeichnet. - so beweist es eine aktuelle Recherche des Deutsche Tierschutzbundes und VIER PFOTEN. Für die Tests wurden vor allem Geschäfte in München und Hamburg ausgewählt. In diesen hatten Mitarbeiter der beiden Organisationen bereits bei der letzten Pelzrecherche vor einem Jahr Verstöße gegen die geltenden Kennzeichnungsregelungen entdeckt. Auch wurde auf Wochen- und Weihnachtsmärkten recherchiert.

Verstöße gegen EU-Textilkennzeichnungsverordnung
Untersucht wurden insgesamt 49 Textilprodukte, darunter Jacken und Mützen mit Echtpelzbesatz. Bei 44 Produkten fehlte die durch die EU-Textilkennzeichnungsverordnung vorgeschriebene Kennzeichnung komplett. Das jeweilige Etikett gab keine Information dazu, dass das Produkte „Bestandteile tierischen Ursprungs“ enthält. Bei 19 Artikeln wurde auf dem Etikett zwar Pelz erwähnt, jedoch mit Bezeichnungen wie „Marmot“ (Murmeltier), „Badger“ (Dachs) oder „Raccoon“ (Waschbär). Hinweise wie diese sind für den Verbraucher irreführend. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass bei den meisten der so gekennzeichneten Produkte das Fell des Marderhundes eingesetzt wurde.

Keine Änderung zum Vorjahr
Dr. Henriette Mackensen ist Fachreferentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund und beklagt: „Ein Jahr nach unserer letzten Recherche zeigt sich leider, dass Kontrollbehörden und Händler nicht reagiert haben. Es hat sich nichts geändert; der Verbraucher kann sich noch immer nicht darauf verlassen, ein Echtfellprodukt auch als solches zu erkennen.“ Auch Denise Schmidt, Kampagnenleiterin von VIER PFOTEN, ist enttäuscht über das aktuelle Ergebnis: „Verbraucher können nach wie vor aufgrund falscher oder fehlender Kennzeichnungen keine bewusste Kaufentscheidung treffen. Wenn eine Mütze mit echtem Pelz-Bommel als ‚100 Prozent Acryl‘ gekennzeichnet wird, ist das Verbrauchertäuschung. Eine klare Kennzeichnung ist lange überfällig.“

Appell und Forderung
Im Nachgang der Recherche haben der Deutsche Tierschutzbund e.V. und VIER PFOTEN die Ordnungsbehörden in Hamburg und München sowie die Verbrauchzentrale informiert. An die betroffenen Händler wird appelliert, entsprechende Produkte aus dem Sortiment zu nehmen. Von der Bundesregierung wird gefordert, sich auf EU-Ebene endlich für eine transparente und verbraucherfreundliche Kennzeichnungsregelung einzusetzen.
















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